2/19/2011

Aus dem #FF - Schreibversuche mit Twitter

In der Schreibkammer unterm Dach träume ich nach Feierabend vom großen Literatenleben. Als Programmiererin habe ich den ganzen Tag vor bunten Bildschirmen verbracht. Am Abend bedrückt mich daher, dass mein Blatt Papier weiß bleibt. Die Wörter, die es bis aufs Papier schaffen, entsprechen nicht dem, was ich mir vorstelle. Ich plane einen Roman und komme nicht über den Grobentwurf hinaus. Die Skizze gehe ich täglich durch, auch wenn ich nichts Neues schreibe. Über das Zählen der Wörter und Zeichen (Roman 40'000 Wörter) bin ich auf #Twitter gestoßen. CEOs meiner Branche verabschieden sich inzwischen mit Haikus auf #Twitter. Das ist, so dachte ich, eine fantastische Vorübung, mich gehaltvoll kurz zu fassen.
Wie schaffe ich es nun also möglichst schnell in die #TopTweets, dem Surrogat der literarischen Bestsellerliste im Internet? Ich mache mich sofort an die Arbeit. Ich registriere mich und schaue mich um. Die Benutzeroberfläche - auch beim „neuen Twitter“ - ist für mich eine Zumutung, die Antwortzeiten meist auch; aber offensichtlich ist das für 190 Mio. andere Menschen kein Problem. „Hoppla, da lief was schief. Bitte versuche es noch einmal“. Meine internen Kunden tagsüber sind anspruchsvoller.
Ohne #Follower und #Following ist es einsam auf #Twitter. Ich durchkämme diverse #Directories und suche mir ungefähr 50 coole, aber seriöse Adressen raus, denen ich folgen möchte. Ab jetzt ist jeder Schritt auf meinem Weg zur Schriftstellerin öffentlich. Da muss ich genau abwägen, wem ich folgen möchte: Die Leute, denen ich folge, gehören ab sofort zu meiner Visitenkarte. Die Dosierung der #Tweets soll ebenfalls bedacht sein. Hip und Hype liegen nah beieinander, d.h. nicht zu viel auf einmal. Die Textbox bleibt zunächst dennoch leer wie das Blatt für die Romanskizze. Mehr wäre eindeutig mehr.
Nach drei Tagen und zwei Tweets kommen die ersten Follower: Werbeagenturen, #SEO-Firmen und, oh Schreck, eine deutschnationale Jugendorganisation aus Nordrhein-Westfalen. Soll ich die blocken? Dann habe ich allerdings gleich wieder einen #Follower weniger? Immerhin herrscht Meinungsfreiheit, und ist es nicht toll, wenn ich deren Meinung beeinflussen kann? Ich erhalte einen erstes Gefühl dafür, wie es ist, wenn mein Roman nach Publikation ein eigenständiges Leben beginnen würde.
#Follower kommen, #Follower gehen. Für neue #Follower erhalte ich eine nette Email. Wenn ich die Abtrünnigen tracken möchte, benötige ich Zusatzhilfe: z.B. bei twunfollow.com. Ich erfahre die wundersame Wirkung der #Hashtags. Da kann #Twitter noch so viel von seiner tollen allgemeinen Suche erzählen. Die #Hashtags sind das i-Tüpfelchen der #Twitter-Analysetools. #Hashtags ziehen potentielle #Follower an und törnen andere ab. #Follower haben nicht viel Geduld. Die SEO-Firmen, die mein Profil nur ausloten, um es gegen Geld an andere Unternehmen zu verkaufen oder um Trendthemen aufzuspüren, bleiben nur für ein paar Tage. Dann sind sie wieder weg. Private Nutzer sind anhänglicher, auch wenn sie selber nie #tweeten. Das ist wie Leser, die nicht über die Bücher reden können, die sie gelesen haben. Ich werde hungrig nach #FF, kurz für favored and fanned oder auch following Friday. Das Ziel ist selbstverständlich: finally famous.
Am frühen Morgen ist es von Europa aus gar nicht so schwer, ein weltweites #trendingtopic zu erzeugen. The early bird catches the worm. Dann schläft Amerika, die Asiaten sind noch bei der Arbeit, die Australier fallen nur bei Naturkatastrophen ins Gewicht. Es kommen einem also höchstens die schwatzenden Brasilianer in die Quere oder die umtriebigen Justin-Bieber-Fans. Wann machen die eigentlich ihre Hausaufgaben? #Buzz Wer’s genau wissen möchte, kann sich bei einer Echtzeit-Suchmaschine erkundigen: OneRiot, zum Beispiel. Dieses Geschnatter erinnert mich ein wenig an meine Kindheit im Dorf, als die Leute beim unerwarteten Läuten der Kirchenglocken auf die Strasse strömten, um zu erfahren, wer wohlgestorben sei. Immerhin, seit gestern bin ich die Deutschnationalen los!
Die Community entwickelt durch den Speed der Social Media häufiger das Gefühl von Hyperaktivität. Das ist besonders dann der Fall, wenn es darum geht, Demonstrationen und Umsturzversuche im Ausland zu fördern und zu nähren. Der virale #Buzz erhält in solchen Fällen fast einen romantisch-sehnsuchtsvollen Anstrich, wenn sich die #Tweets überstürzen und ihre Autoren sich fragen, ob #Twitter die Revolte vielleicht gar ausgelöst habe.
Doch so ernsthaft geht es wahrlich nicht immer zu. Humor ist der kritischste Erfolgsfaktor auf dem Weg in die #TopTweets. Ohne Spaß geht gar nix – @saschalobo, @UliWickert, @dieternuhr. Sarkastische Comedians haben auf #Twitter ihre ultimative Stand-up-Probebühne gefunden. Freundlicherweise werde ich beim Einloggen immer mit dem Besten der letzten Tage begrüsst. Danke, #Twitter! Die deutschen #TopTweets zeigen allerdings, dass Deutschland noch auf der Suche nach dem wahren Superstar ist, der die Linien zwischen öffentlichem und privatem Leben kunstvoll zu verwischen weiß. Wo bleibt der deutsche @kanyewest, genialer Zeremonienmeister der einsamen Mitteilsamkeit? Wo bleibt der zumindest halbherzige deutsche @50cent, der von geplanten Firmenkäufen bis ungeplanten Techtelmechteln aus seinem Leben berichtet? Wo bleibt die deutsche @britneyspears mit ihrem Pendant zu ihrem unvergesslichen Kiss My Lily White Louisiana Ass?
Solchen Leuten fällt jeden Tag etwas ein. Ich dagegen sitze nach 10 Wochen Testphase wieder einmal vor dieser leeren What’s happening now?-Textbox wie die Schlange vor dem Kaninchen und denke neidisch an @haekelschwein, @sixtus und andere kreative #Twitter-Celebrities. Da mir die deutsche #TopTweet-Community manchmal zu wutbürgerlich wird (S21, Deutsche Bahn, @kristinaschroeder - schwanger!, Doktortitel), habe ich mich anderen Welten zugewandt Als absoluter Reggaeton-Fan bin ich dank #Twitters tollen Empfehlungen (Who to Follow) in der richtigen Szene gelandet, d.h. bei den einschlägigen Blogs. Die meisten #Tweets sind schliesslich reine Referenzierungen auf andere Texte – #Twitter ist ein Zusatzkanal, nicht mehr, nicht weniger. Dort habe ich mich auf den Jargon und sozialen Kontext der vida urbana einlassen können. Längst bewege ich mich mit einem Fantasieavatar als respektiertes Mitglied in dieser emulierten Gemeinschaft. Und tanzen gegangen bin ich auch mal wieder, sogar im wirklichen Leben, #swag.

Abb. © http://www.fanartikel-shop.com/fun-tshirt-dont-follow-p-1402.html