5/02/2013

Roberto Ampuero: Der letzte Tango des Salvador Allende


David Kurtz, ehemaliger CIA-Geheimagent, der aktiv am Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende im September 1973 beteiligt war,  steht vor der wohl schwierigsten Aufgabe seines Lebens. 20 Jahre nach den historischen Ereignissen bittet ihn seine krebskranke Tochter, ihre Asche nach dem Tod zu einem ihm unbekannten Mann nach Chile zu bringen. Nach und nach erfährt der pensionierte Geheimagent auf der folgenden Reise in die Vergangenheit, dass nicht nur er ein Doppelleben im Santiago de Chile der frühen Siebziger Jahre geführt hat, sondern auch seine Tochter, die an der dortigen Universität Anthropologie studierte.  Durch mühevolle Recherchen, die ihn nach Santiago, Leipzig und Brüssel führen, kommt er dem Geheimnis im Leben seiner Tochter auf die Spur. Schlüssel zu dem Geheimnis sind die Tagebuchaufzeichnungen des persönlichen Assistenten Salvador Allendes und ehemaligen Bäckers Rufino, die von den Alltagserfahrungen im Zusammenleben mit dem chilenischen Präsidenten in den letzten Monaten seiner Regierung erzählen. Diese Tagebuchaufzeichnungen waren im Besitz seiner Tochter. Was hatte sie mit einem Angestellten Allendes zu tun?

Im Roman des chilenischen Autors Roberto Ampuero wechseln sich die Erzählerperspektiven des US-Amerikaners  David Kurtz und Rufinos ständig ab. Dadurch gelingt Ampuero ein sehr guter Mix aus  historischer und kultureller Distanz einerseits  und persönlicher, fast intimer Nähe andererseits. Diese wechselnden Standpunkte verhindern jegliche ideologische Vereinnahmung und sorgen für einen guten Spannungsaufbau und einen lebhaften Text. 
Wie in vielen anderen guten lateinamerikanischen Romanen gehen Realität und Fiktion eine nicht auflösbare Symbiose ein. Unterhaltsam und klug zugleich sind die Dialoge zwischen Rufino und dem stets elegant gekleideten und vornehmen Präsidenten, der den typischen Habitus der gebildeten Oberschicht des Landes an den Tag legt.  Dabei geht es dem Erzähler mehr um den Menschen Allende mit all seinen Schwächen und kleinen Lastern als um den Märtyrer der politischen Linken. In diesem Sinne ist die Schlüsselszene, auf die auch der Titel anspielt, besonders gelungen.
Die eigene Kultur aus der Außenperspektive betrachten, so wie der erfundene Agent David Kurtz für Ampuero in diesem Roman macht - das können lateinamerikanische Romanciers oft besonders gut. Dafür gibt es einen leidvollen Grund: Jahre des politischen Exils. So hat auch Roberto Ampuero einen Großteil seines Lebens im Ausland verbracht. Als junger Mann von der Politik Allendes begeistert, ging er nach dem brutalen Putsch zunächst nach Kuba ins Exil. Danach lebte er einige Jahre in der DDR, ab 1983 in der Bundesrepublik. 1993 kehrte er in das inzwischen wieder demokratische Chile zurück, wo er es jedoch nur wenige Jahre aushielt. Nach weiteren Jahren in Schweden und dem Mittleren Westen der USA ist er heute Botschafter seines Landes in Mexiko. Roberto Ampuero gilt als derzeit erfolgreichster Autor Chiles. Nicht ohne Grund, auch wenn ich persönlich die Perspektive des Ex-CIA-Manns in manchen Passagen – gerade im Vergleich zum authentisch wirkenden Erzähler Rufino – ein wenig klischeehaft fand. Aber vielleicht ist das ja auch Absicht, um die kulturellen Gegensätze zu betonen.
Das Buch besteht aus stolzen 438 Seiten, die kraftvoll und erfrischend geschrieben sind.  Zu kaufen ist es hier oder in jeder guten Buchhandlung. Langweilig wird die Lektüre nie. Ich kann das Buch absolut empfehlen. Und wundern Sie sich nicht, wenn Sie bereits während der Lektüre Lust zum Tangotanzen bekommen. Versuchen Sie’s mal mit einem Klassiker, der im Roman eine prominente Rolle spielt: "Uno" von Enrique Santos Discépolo und Mariano Mores.